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Pressemeldung Wunschkind e.V. 26.02.2004 - Gesundheitsreform ist frauenfeindlich

Gesundheitsreform ist frauenfeindlich

Die drastische Kürzung der Kostenübernahme von Maßnahmen der Reproduktionsmedizin nach § 27a SGB V betreffen besonders das weibliche Geschlecht und schaden der Anerkennung einer gesamten weiblichen Patientengruppe.

In Deutschland werden bislang jährlich 15.000 Kinder geboren, nachdem sich ihre Mütter reproduktionsmedizinischen Behandlungen unterzogen haben. Den meisten dieser Frauen wäre es ohne medizinische Hilfe niemals möglich gewesen, schwanger zu werden. Seit der Gesundheitsreform müssen die Paare die Kosten für die Techniken so genannten künstlicher Befruchtung nun bei den ersten drei Versuchen zur Hälfte aus eigener Tasche zahlen. Ab dem vierten Versuch (empfehlenswert sind etwa sechs) müssen die Kosten komplett von den Patienten selbst gezahlt werden. Die Kosten hierfür gehen meist in die Tausende und sind nur von Besserverdienenden bezahlbar, da auch die Belastungsgrenze von 2 % des Bruttoeinkommens auf Kinderwunschbehandlungen nicht angewendet werden darf. Die Folge ist, dass unzählige Frauen aufgrund der „Gesundheitsreform“ endgültig den schmerzlichen Abschied von ihrem Kinderwunsch nehmen müssen. Zwar liegen die organischen Ursachen zur Hälfte an der eingeschränkten Zeugungsfähigkeit des Mannes, doch sind es zumeist die Frauen, die stärker unter der ungewollten Kinderlosigkeit leiden. „Fruchtbarkeit und Unfruchtbarkeit gehören noch immer primär in den sozialen Verantwortungsbereich von Frauen. Entsprechend reagieren Frauen in der Regel deutlicher auf ungewollte Kinderlosigkeit als Männer. Störungen des Selbstwerts, depressive Reaktionen und soziale Isolation sind typische Folgen ungewollter Kinderlosigkeit und gehen vor allem für Frauen häufig mit Gefühlen von Ohnmacht, Verlust und Trauer, auch um die nicht erlebte Schwangerschaft und Mutterrolle, einher“, wie Familientherapeutin Petra Thorn aus ihrer Praxis zu berichten weiß.

Die übergebührliche Belastung der Patientinnen der Reproduktionsmedizin durch die Reform konnte nach Meinung von Gaby Ziegler, stellvertretender Vorsitzender von Wunschkind e.V., nur in einem Klima der gesellschaftlichen Stigmatisierung von Kinderwunsch-Patienten überhaupt zustande kommen. „Hierzulande ist vielen noch immer nicht klar, dass kein Unterschied zwischen reproduktionsmedizinischen Behandlungen und anderen Therapien gemacht werden kann. Der Leidensdruck der Patientinnen ist um ein vielfaches höher als bei den meisten Alltagserkrankungen, da die Handlungsfähigkeit der Betroffenen massiv eingeschränkt ist.“

Die standardmäßige Reproduktionsmedizin, die lediglich zur Erfüllung des Kinderwunsches durchgeführt wird, wird zudem viel zu häufig verwechselt mit exotischen Techniken wie Klonen oder Genmanipulation, die mit den tagtäglichen Behandlungsweisen der Kinderwunsch-Praxen rein gar nichts zu tun haben.

Die Selbstverwirklichung mit einem Kind ist ein anerkanntes Persönlichkeitsrecht. Die Ursachen der mangelnden Anerkennung ungewollt Kinderloser liegen wohl auch in der jahrhundertealten Tradition der Stigmatisierung steriler Frauen (Sterilität als „Strafe Gottes“). Will die Gesellschaft in der heutigen Zeit und bei den bekannten demographischen Zahlen von den Patientinnen ernsthaft verlangen auf eine Therapie und damit auf zukünftige Kinder zu verzichten? Deutschland hat eine katastrophal niedrige Geburtenrate und Kinderlose werden ohnehin vom Fiskus immer stärker in die Pflicht genommen! Ein Land, das Familien fördern möchte, kann die ungewollt Kinderlosen nicht so schändlich im Regen stehen lassen, so Ziegler weiter.

Die Verantwortlichen sind bei dem Versuch, die Kassen auf Kosten einer bestimmten Patientengruppe zu sanieren, einer populären Meinung gefolgt, obgleich die Ausgaben für Maßnahmen zur „künstlichen Befruchtung“ nur den winzigen Anteil von 0,11 % des gesamten Kassenvolumens  betrugen. Der Stigmatisierung der Sterilität als Schicksal der betroffenen Frauen wurde mit der politischen Entscheidung erneut Vorschub geleistet.

Im Sinne unserer Gesellschaft und der Gleichberechtigung sollte diese Entscheidung von den Politikern noch einmal überarbeitet und eine Lösung gefunden werden, die die Erfüllung des Kinderwunsches auch Frauen aus sozial schwächeren Schichten ermöglicht und den Patientinnen nicht das Gefühl gibt, allein gelassen und nicht anerkannt zu sein.

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